Caroline Murat, Ludwig I. und Pompeji

Das „offizielle“ Entdeckungsdatum der durch den Vesuvausbruch 79 n. Chr. untergegangenen Stadt Pompeji ist das Jahr 1748. Verantwortlich war eine archäologische Expedition unter der Leitung des spanischen Ingenieurs Roque Joaquín de Alcubierre. Systematische Ausgrabungen setzten dann mit König Karl III. von Bourbon (von 1735 bis 1759 als Karl V. König von Sizilien und Karl VII. König von Neapel) ein. Als Caroline Murat 1808 an der Seite ihres Ehemanns Joachim zur Königin von Neapel wurde, richtete sich ihr Augenmerk sehr schnell auf Pompeji. Sogleich besuchte sie die zu diesem Zeitpunkt ins Stocken geratenen Ausgrabungen – der Beginn einer Faszination für den antiken Ort, die sie zumindest während ihrer Herrschaftszeit in Neapel nicht losgelassen hat.

Der Wittelsbacher Ludwig reiste in den Jahren 1804/1805 erstmalig nach Italien und zeigte sich nachhaltig beeindruckt. So sah er im Palazzo Albrizzi in Venedig die Statue der Hebe von Antonio Canova, die ihn so ergriff, dass er sich fortan als innerlich verändert betrachtete. Begeistert zeigte er sich auch von Rom, das er Zeit seines Lebens achtzehn weitere Male besuchen sollte. In den Bann zog ihn ebenfalls Pompeji, dem er nicht nur Gedichte widmete, sondern das ihn auch zu zwei Bauprojekten inspirierte: das Pompejanum von Aschaffenburg und das Schloss Villa Ludwigshöhe.

Der marmorne Kopf eines Strategen (sog. Kimon) wurde während der Regierungszeit von Caroline Murat in Pompeji gefunden und gelangte mit der Sammlung Lipona nach München.

La „Reine de Pompéi“

Schon nach den ersten Besuchen in Pompeji kam in Caroline Murat der Wunsch auf, in der auf so tragische Weise untergegangenen antiken Stadt eigene Ausgrabungen durchführen zu lassen. Sie setzte sich gegen den Widerstand des damaligen Grabungsleiters durch, und fortan fanden Funde aus diesen Ausgrabungen auch Aufnahme in die private Antikensammlung, welche die Königin in ihren Gemächern im Palazzo Reale von Neapel eingerichtet hatte. Regelmäßig besuchte Caroline die Grabungen, teilweise auch in Begleitung ihres Ehemanns Joachim.
Einen ebenso ergebenen wie fähigen Mitstreiter fand die Königin in dem Comte Fréderic de Clarac (geb. 1777). Dieser entstammte einer Offiziersfamilie, hatte die Murats aber in anderer Funktion, nämlich als Hauslehrer von deren Kindern, begleitet. In Italien war sein Interesse an der Antike erwacht, weshalb er sich neben seiner erzieherischen Tätigkeit mehr und mehr der Archäologie zuwandte. 1813 leitete er jene Grabung in Pompeji, in deren Verlauf das einzigartige Ensemble römischen Silbers entdeckt wurde, das Teil der Sammlung Lipona ist und sich heute in den Staatlichen Antikensammlungen in München befindet (und mit einem zugehörigen ägyptischen Kultgefäß, das im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst aufbewahrt wird, in der Sonderausstellung erstmals vollständig präsentiert wird). De Clarac ist auch zu verdanken, dass dieser außergewöhnliche Fund noch im selben Jahr publiziert wurde. Als Autodidakt verfolgte er demnach bereits konsequent wissenschaftliche Ansätze. Das dürfte auch maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass er nach Napoleons Fall nach Frankreich zurückkehren konnte und dort 1818 eine Stelle als Konservator der Antiken im Louvre antrat, die er bis zu seinem Tod 1847 bekleidete.
Ein weiterer Weggefährte der jungen Königin von Neapel war der Architekt und Archäologe François Mazois (geb. 1783). Für ihn hob Caroline das Verbot, in Pompeji zu zeichnen, auf und ermöglichte ihm damit, die Architektur der antiken Stätte zu studieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Bilder zu fassen. So vermittelte seine Arbeit erstmals einen weitgehenden Einblick in das Leben in einer antiken Stadt. 1812 begann er mit der Veröffentlichung seines Werks „Les ruines de Pompéi“, das nach seinem Tod im Jahr 1826 von François-Christian Gau vollendet wurde.

Stich mit Ansicht der „Casa Regina Carolina“ (aus: F. Mazois F. C. Gau, [Hrsg.], Les ruines de Pompei, Bd. 2 [Paris 1824] Taf. XII.)

Ein römisches Wohnhaus in Pompeji, dessen Ausgrabung sie 1813 – wahrscheinlich nach ersten Freilegungen durch die Bourbonen schon im 18. Jahrhundert – veranlasste, wurde sogar nach ihr „Casa Regina Carolina“ benannt, um ihre Verdienste zu würdigen. In Mazois‘ Werk zu Pompeji sind seine Pläne und eine Ansicht des Hauses publiziert, wodurch er zur Verbreitung des Namens beitrug. Nach der Rückkehr der Bourbonen nach Neapel beeilten diese sich im Sinne einer damnatio memoriae, das Haus in „Casa di Adone“ („Haus des Adonis“) umzubenennen. Bemerkenswerterweise wird das Haus heute in der archäologischen Forschung wieder als „Casa Regina Carolina“ bezeichnet, und es war zuletzt Ziel von Forschungen unter der Leitung des Cornell Institute of Archaeology & Material Studies zur römischen Alltagskultur in Pompeji.

Ein Stück Pompeji für Bayern

Für Caroline war Pompeji jedoch nicht nur eine sprudelnde Quelle, um neue Funde für ihr Privatmuseum im Schloss von Neapel zu gewinnen und dabei wissenschaftliche Akzente zu setzen. Vielmehr kam ihr die Idee, einige besonders schöne Häuser der Stadt wiederaufbauen und mit antiken Originalmöbelstücken ausstatten zu lassen, um sie anschließend für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es blieb allerdings bei diesem Gedanken, der von ihr jedoch nicht in die Tat umgesetzt wurde. Ob das anders gewesen wäre, wenn sie länger als bis 1815 regiert hätte, lässt sich nicht sagen.

Ludwig hatte Pompeji schon vor Caroline erstmalig im Rahmen seiner ersten, für ihn so prägenden Italienreise besucht. Seine Eindrücke von 1805 hielt er in einem Gedicht fest, auf das wenige Jahre später ein weiteres folgen sollte, das mit „Pompeija in des neunzehnten Jahrhunderts zweytem Jahrzehent“ überschrieben ist. Darin offenbart der Kronprinz, welche Bedeutung er der antiken Ruinenstätte für sich selbst und die Gegenwart beimaß:

„Nur in Pompeji sieht man des Römers gewöhnliches Leben,
Leben’s mit ihm; in Rom blos wir den herrschenden seh’n.
Alles ist in Pompeji, es fehlen einzig die Menschen,
Alles lebt hieselbst, ach! und doch alles ist todt.“


Pompeji erschien ihm demnach als Idealtypus einer römischen Stadt, die aufgrund ihres tragischen Schicksals ungeahnte Einblicke in das gewöhnliche Leben der Antike gewährte. Gleichzeitig legte er im selben Gedicht die Vergänglichkeit der frisch freigelegten und damit dem Verblassen preisgegebenen Wandmalereien dar:

„Würdig nicht ist das jetz’ge Geschlecht, dich, Pompeji zu sehen:
Wie du demselben erscheinst, schwindest du eilig dahin;
Nur das Gerippe verbleibt; die lebensvoll freudigen Farben
Bleichen schnell in der Welt, welche die deine nicht mehr.
Freundin nur ist die Erde, die Luft hingegen ist Feindin.
Was die Erde getreu achtzehn Jahrhundert barg
In dem heiligen Dunkel, erlischt bald, wenn es gekommen
An das Licht, wir nur sehn’s, um es nie wieder zu seh’n.“


In mehrerlei Hinsicht hinterließ das immer wieder aufgesuchte Pompeji also bei Ludwig Spuren und veranlasste ihn schließlich dazu, in Aschaffenburg hoch über dem Mainufer das Pompejanum zu errichten. Bei diesem von ihm lapidar „Pompejanisches Haus“ genannten Gebäude handelt es sich um eine ideale Nachbildung eines römischen Wohnhauses. Als Vorbild diente die Casa dei Dioscuri (Haus der Dioskuren), die kurz zuvor in der Vesuvstadt entdeckt und ausgegraben worden war.
Errichtet wurde das Pompejanum nach den Plänen des Architekten Friedrich von Gärtner zwischen 1840 und 1848. Seither erfüllt es den vom König bestimmten Zweck, den Menschen auch nördlich der Alpen das Studium mediterraner römischer Wohnkultur zu vermitteln. 1852 kam mit der bei Edenkoben in Rheinland-Pfalz gelegenen Villa Ludwigshöhe ein weiterer, ähnlich motivierter Bau hinzu (aktuelle Sonderausstellung bis 11.10.2026: „Sehnsucht Pompeji. Ludwig I. und seine Leidenschaft für die Antike„).

Triclinium im Pompejanum in Aschaffenburg