von Marie Arnold
„Du studierst (Klassische) Archäologie? Und was macht man dann damit?“ Diesen oder ähnlichen Fragen müssen sich Studierende Archäologischer Studienfächer häufig stellen. Dabei sind die möglichen Berufsfelder nach dem Studium vielfältig. Jemandem, der sich mit diesem Thema noch nicht allzu viel beschäftigt hat, fällt vielleicht die Bodendenkmalpflege, also Ausgrabungen, ein. Allerdings ist es abgesehen von einer Karriere in der Universität oder Forschung auch möglich, in einer Redaktion oder Verwaltung seine Berufung zu finden. Mir war ziemlich bald klar, dass ich gerne in einem Museum arbeiten möchte. Als ich dann erfuhr, dass man dort im Rahmen eines Wissenschaftlichen Volontariats für eine längere Zeit Einblicke in den Arbeitsalltag bekommen kann und diesen auch mitgestalten darf, war für mich die Entscheidung gefallen: Ein Volontariat im Museum soll es sein.

Viele Museen und Institute schreiben jährlich – zum Teil mehrmals – Wissenschaftliche Volontariate aus. Das gilt auch für die Staatlichen Museen in Bayern: Man bewirbt sich auf eine zweijährige Stelle und rotiert zwischen drei Stationen. Meine erste und Hauptstation war für ein Jahr die Archäologische Staatssammlung, als Letztes gehe ich für ein halbes Jahr in das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst. Im Moment unterstütze ich das Team der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek noch bis Ende September.
Die Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek beherbergen Stücke aus der griechischen, römischen und etruskischen Antike. Die Sammlung geht im Wesentlichen auf den bayerischen König Ludwig I. zurück, der bereits als Kronprinz seine ersten Antiken erwarb. Schließlich ließ er zunächst ein Gebäude für seine Sammlung von Skulpturen – die Glyptothek – bauen und öffnete sie als erstes Museum Bayerns einer breiten Öffentlichkeit. Später kamen die Staatlichen Antikensammlungen für die Kleinkunst hinzu.
Meine Aufgaben
Während meines Einsatzes am Königsplatz in München übernahm ich verschiedene Aufgaben, die mir viel Spaß gemacht und meine Kenntnisse erweitert haben. Bereits am Anfang des Volontariats wurde ich gefragt, ob ich nicht für ein kurzes Video für den internationalen Museumstag vor der Kamera stehen möchte. Wir haben uns hierfür die Giebelfiguren des Tempels von Aigina in der Glyptothek als passenden Hintergrund ausgesucht. Das Ergebnis wurde als Gemeinschaftsvideo zusammen mit anderen Museen auf Social Media veröffentlicht.
Mit Social Media beschäftige ich mich schon länger, weil ich es für ein wichtiges Medium der Vermittlung für unterschiedliche Zielgruppen halte. Seit längerer Zeit betreue ich als Ehrenamtliche den Internetauftritt der römischen Villa Rustica im oberbayerischen Peiting. Die Erfahrungen daraus konnte ich sofort im Rahmen meines Volontariats einbringen. Das hat sehr schnell dazu geführt, dass ich die Auftritte der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek in den Sozialen Medien nicht nur mitgestalten, sondern vielfach auch selbstständig konzipieren durfte. So erstellte ich unterhaltsame Posts und Informationsbeiträge zu verschiedenen Stücken der Sammlungen. Dabei erweiterte ich das Angebot der Museen und führte dienstags die neue Rubrik „Was bin ich?“ ein, bei der wir eher weniger bekannte Objekte aus den Sammlungen vorstellen. Donnerstags kamen noch Reihen zu bestimmten Themen wie die Odyssee von Homer oder in Bälde die Zwölf Taten des Herakles dazu.
Darüber hinaus arbeitete ich am kontinuierlichen Aufbau der Datenbank mit, korrigierte, befüllte und erstellte Einträge und digitalisierte Dokumente. Wenn die Museen geschlossen hatten, stellten wir an manchen Tagen Vasen und Kleinfunde in Vitrinen oder arrangierten sie neu. Beim Aufbau der Sonderausstellung „Sammeln mit Stil – Caroline Murat, Ludwig I. und die Antike“ half ich tatkräftig mit, bestückte Vitrinen und suchte geeignete Stücke aus dem Depot. Ein Highlight für mich war die Planung eines Aufstellers von Caroline Murat als Selfie-Station für die Ausstellung. Hierfür bearbeitete ich die Vorlage und gab den Druck in Auftrag. Außerdem hatte ich viel Spaß dabei, ein Plastikskelett, das für den Nachbau des Grabbaus in der Sonderausstellung beschafft wurde, gemeinsam mit einer Praktikantin anzumalen (es war strahlend weiß, sollte aber nach 2300 Jahre alten Knochen aussehen). Schließlich arrangierte ich die beige bemalten Knochen möglichst authentisch in der Grabkammer. Für die Lage der einzelnen Skelettbestandteile sah ich mir Fotos von archäologischen Funden an, bei denen der Körper mit der Zeit in sich zusammengefallen war.
Wie jedes Jahr veranstalteten die Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek eine Kinderferienaktion, diesmal zum Thema Mischwesen: In einer Woche konnten Teilnehmende zwischen sieben und dreizehn Jahren basteln, spielen und am Schluss ein Theaterstück aufführen. Jeden Tag gab es eine kurze Führung, und die Kinder machten eine Ralley durch die Museen am Königsplatz.


Führungen
Zu zwei verschiedenen Themen übernahm ich Abendführungen: Ich entschied mich zuerst für einen Marmorkopf (GL 354 WAF), der möglicherweise Iulia Domna, die Frau des römischen Kaisers Septimius Severus, zeigt. Ich kannte das Stück schon länger und fand spannend, dass ihre Identifizierung nicht ganz klar ist. Der Kopf wurde um 200 n. Chr. als Einsatzkopf für eine Statue gefertigt. Er kam 1780 bei Grabungen auf dem Areal einer antiken Villa in der Nähe von Ostia gemeinsam mit weiteren Portraits des Herrscherhauses aus dem 2.–3. Jh. n. Chr. an Tageslicht. Bevor er 1816 über den Kunsthändler Robert Fagan zu Ludwig I. kam, befand sich der Kopf in der Sammlung des Fürsten Chigi in Rom.

Bis auf leichte Bestoßungen an Nase und Haar ist das Portrait vollständig erhalten. Zwar ähnelt die grundsätzliche Gestaltung des Gesichts bekannten Bildnissen der Iulia Domna sehr, allerdings gibt es auch Unterschiede, v. a. in der Bildung der Frisur. Daher könnte es sich hier um eine Zeitgenossin der Kaiserin handeln, die sich von ihren Portraits inspirieren ließ. Eine andere Möglichkeit ist, dass es sich bei dem Kopf aus der Glyptothek neben den bekannten beiden Typen um einen einen dritten Darstellungstypus der Kaiserin handelt.
Iulia Domna kam ursprünglich aus Syrien und heiratete 187 n. Chr. mit ca. 17 Jahren den aus Libyen stammenden, 40-jährigen Septimius Severus, bevor dieser zum Kaiser ausgerufen wurde. Kurz nach der Hochzeit bekam sie zwei Söhne: Caracalla (188–217 n. Chr.) und Geta (189 n. Chr.). Iulia Domna spielte während der Herrschaft ihres Mannes eine große Rolle in seiner politischen Selbstdarstellung. Nach Septimius Severus Tod und der Ermordung Getas durch ihren Erstgeborenen 211 n. Chr. übernahm sie während der Abwesenheit Caracallas, der als Nachfolger seines Vaters römischer Kaiser wurde, inoffiziell Regierungsangelegenheiten. Schließlich wählte sie nach dem Tod ihres Sohnes 217 n. Chr. und dem damit einhergehenden Verlust ihrer Macht den Freitod, indem sie in den Hungerstreik trat. Durch Schlagen auf ihre Brust reizte sie außerdem ihren Brustkrebs und verschlimmerte ihn damit, wodurch sich ihr Tod beschleunigte.
Bei einem anderen Rundgang durch die Glyptothek fiel mir die Statue der Aphrodite mit Ziegenfell (GL 236 WAF, siehe Bild) auf, weshalb ich als mein zweites Führungsthema die Darstellungen von Göttinnen in Klassischer Zeit wählte. Die Großplastik der Eirene mit Plutosknaben (GL 219 WAF), Personifikationen des Friedens und des Reichtums, sollte als Vergleichsbeispiel dienen. Beide Statuen weisen typische Merkmale der griechischen Klassik auf, u. a. die Ponderation mit festem Standbein und Spielbein, die dargestellte Beweglichkeit der Figuren und – zumindest bei Eirene, da der Kopf der Aphrodite nicht erhalten ist, – einen entrückten Gesichtsausdruck.
Die Statue der Aphrodite mit dem Ziegenfell kaufte Johann Georg von Dillis 1811 aus dem Palazzo Bevilacqua in Verona für König Ludwig I. Sie ist eine Nachbildung der bewaffneten Aphrodite von Epidauros. Die Liebesgöttin in der Glyptothek trägt allerdings statt eines Schwertgurts ein Ziegenfell, das über der rechten Schulter an den Hufen zusammengebunden ist. Mich faszinierten bei der Aphrodite die Details, die der Bildhauer sorgfältig gestaltet hatte: Die Falten des Gewands sehen genauso wie das umgehängte Tierfell durch die gemeißelte Textur aus, als wären sie aus realem Textil bzw. realen Haaren geschaffen worden. Am linken Ärmel sind die Stofffalten deutlich erkennbar, die von in einer Reihe platzierten Knöpfen fixiert werden. Die Sandalen zieren Rinderschädel auf dem Fußrücken und die Stoffbahnen des Gewands werden mit vier noch erhaltenen Gewandgewichten in Form gehalten.

Fazit
Mir gefällt der Arbeitsalltag im Museum sehr. Man hat die Möglichkeit, verschiedenen Aufgaben nachzugehen, und lernt viel Neues, sowohl Organisatorisches als auch Fachliches. Außerdem kann man im Studium Gelerntes aus dem Gedächtnis abrufen, vertiefen und an den Stücken anwenden. Dieses Wissen an Menschen mit verschiedenem Wissensstand zu vermitteln, was mir vor dem Volontariat schon am Herzen lag, hat mir viel Vergnügen bereitet. Ich kann daher jedem, der einmal im Museumsfeld arbeiten möchte, nur raten, sich auf eine (Wissenschaftliche) Volontariatsstelle zu bewerben. Und falls man noch nicht weiß, ob einem diese Aufgaben liegen, bietet sich vorher ein Praktikum in einem Museum an.
In jedem Fall, man kann nur gewinnen – an Bekannten, Kenntnis und Erfahrung!