Wie die Sammlung Lipona nach München gelangte

Wer die aktuelle Sonderausstellung „Sammeln mit Stil“ betritt, begegnet zuerst den beiden Protagonisten einer außergewöhnlichen Geschichte. Auf der einen Seite Caroline Murat, geborene Bonaparte, einstige Königin von Neapel; auf der anderen Seite der bayerische König Ludwig I. Die makellosen weißen Marmorporträts, die im Entree der Ausstellung Seite an Seite stehen, dienen hier jedoch nicht nur als grandiose Abbilder großer geschichtlicher Persönlichkeiten. Vielmehr symbolisieren sie die Leidenschaft zweier Symmler für die Antike und das Sammeln antiker Kunst, deren Ende eine für die Münchener Antikensammlungen folgenschwere Transaktion bildet: Vor genau 200 Jahren, im März 1826, erwarb Ludwig die hochkarätige Antikensammlung der Gräfin Lipona. Es war ein Coup, durch den ein wesentlicher Beitrag zum Aufstieg Münchens als Metropole von Kunst und Kultur geleistet wurde.

Büsten Ludwigs I. als Kronprinz (von Bertel Thorvaldsen, 1821, Glyptothek) und Caroline Murats als Königin von Neapel (Pietro Marchetti nach Antonio Canova, 1813, Leihgabe des Musée National des Châteaux de Versailles et de Trianon).

Ein königlicher Coup

Im Juni 1826 herrschte in München geschäftiges Treiben. Schwere Transportkisten, sorgsam verpackt und wochenlang auf Achse, erreichten die Residenzstadt. Ihr Inhalt: 447 antike Werke, darunter auch solche von Meisterhand, erlesenster Qualität und hohem Seltenheitswert. Zahlreiche griechische Vasen bildeten den Kern der Sammlung, zu der darüber hinaus neben kostbaren Werken aus Gold, Silber und Bronzen auch Terrakotten und Alltagsgegenstände zählten. Es war der Schlusspunkt eines spektakulären Kunstankaufs, den der gerade erst gekrönte bayerische König Ludwig I. wenige Monate zuvor per Notarvertrag besiegelt hatte. Genau zweihundert Jahre ist es her, dass dieser glanzvolle Bestandteil, bekannt als „Sammlung Lipona“, dauerhaft nach München überging und bis heute als Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds (WAF) die Säle am Königsplatz bereichert.

Das Erbe der Königin im Exil

Hinter dem Namen der Sammlung verbirgt sich eine der faszinierendsten Frauenfiguren der napoleonischen Ära: Maria Annunziata Carolina Bonaparte, jüngste Schwester Napoleons und einstige Königin von Neapel. Als passionierte, stilsichere Regentin hatte sie zwischen 1808 und 1815 in ihrem Herrschaftsbereich nicht nur systematisch Kunst und Kultur gefördert, sondern auch eigene Ausgrabungen in Pompeji und an verschiedenen anderen Orten vorangetrieben.

Ihr privates Antikenkabinett im königlichen Schloss von Neapel galt als spektakulär. Doch mit dem Sturz Napoleons änderte sich alles. Nach der Hinrichtung ihres Mannes Joachim Murat gelang Caroline mit der Hilfe des Fürsten von Metternich 1815 die Flucht auf habsburgisches Territorium. Unter dem Anagramm ihres geliebten Neapels – als Gräfin von Lipona – rettete sie einen wesentlichen Teil ihrer Kunstschätze über Triest nach Niederösterreich, wo sie ab 1817 Schloss Frohsdorf bei Wiener Neustadt bezog. Die Antiken, die einst die Lust am Schönen befriedigten, dem eigenen Repräsentationsbedürfnis dienten und auch schon wissenschaftliche Neugierde weckten, wandelten sich im Exil zur Lebensversicherung: Caroline musste die Kollektion veräußern, um den Lebensunterhalt für sich und ihre vier Kinder zu sichern.

Klenze als Unterhändler im Feilschen um die Kunst

Hier kam Ludwig I. ins Spiel. Schon als Kronprinz hatte er ein profundes Gespür für die Antike entwickelt und Caroline Murat bereits 1806 in München bei der Hochzeit seiner Schwester Amalie mit Eugène de Beauharnais persönlich kennengelernt. Während Ludwig anfangs sein Augenmerk auf den Erwerb antiker Großplastik gerichtet hatte, erwachte in den 1820er Jahren – nicht zuletzt durch die Überzeugungsarbeit seiner Berater – die Leidenschaft für die antike Kleinkunst, insbesondere für figürlich bemalte griechische Vasen.

Als sich Ende 1825 die Chance bot, die herausragende Sammlung Lipona zu erwerben, reagierte der König prompt. Er entsandte seinen Hofarchitekten und Kunstagenten Leo von Klenze als Bevollmächtigten nach Schloss Frohsdorf. Der im März 1826 geführte Briefwechsel zwischen dem Monarchen dokumentiert die geführten Verhandlungen.  

Die ehemalige Königin selbst weilte in Triest und ließ sich durch den Baron Ernst von Gayl vertreten. Klenze erwies sich als geschickter Taktiker (oder legte das zumindest in seinen Briefen an den König so dar): Es gelang ihm offenbar, den ursprünglich geforderten Preis auf um die 300.000 Francs herunterzuhandeln. Mehr noch: Er vereinbarte zinslose Ratenzahlungen und bürdete der Verkäuferseite die Kosten für die aufwendige Verpackung und den Transport auf. Am 8. März 1826 stand die detaillierte Inventarliste, am 19. März war der Notarvertrag unterzeichnet. Dank der diplomatischen Schützenhilfe des österreichischen Staatskanzlers Fürst von Metternich wurde auch die nötige Ausfuhrgenehmigung erteilt. Das Gut konnte seine Reise nach Norden antreten.

Vom Grabdekor in die Gemäldegalerie

In München angekommen, stellte sich rasch die Frage der angemessenen Präsentation. Ludwig und Klenze wählten dafür die Alte Pinakothek. In den Jahren 1840/41 fertiggestellt, sollten die Vasen mit ihren Bildern ganz bewusst den Anfangspunkt der abendländischen Malerei markieren.

Die visuelle Inszenierung spiegelte diesen intellektuellen Anspruch wider: Leo von Klenze ließ die Stirnwände der Gewölbe mit Kopien etruskischer Grabmalereien aus Tarquinia schmücken, um eine stimmungsvolle Verbindung zu den ursprünglichen Fundorten der antiken Keramik herzustellen. Die Vasen selbst standen frei zugänglich auf langen Holztischen und Wandregalen.

Klenzes Entwurf für die Alte Pinakothek (r) und die daran angelehnte Aufstellung in den Staatlichen Antikensammlungen

Diese historische Aufstellung, die im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe unwiederbringlich zerstört wurde (wobei die ausgelagerten Vasen glücklicherweise gerettet werden konnten), bildet eine der atmosphärischen Installationen der aktuellen Sonderausstellung. Die Schau „Sammeln mit Stil“ holt diese Epoche des leidenschaftlichen Sammelns visuell in die Gegenwart zurück. Sie feiert aber nicht nur das konkrete Jubiläum, sondern ebenso das Phänomen des glücklichen Sammelns, von dem die Münchener Antikenmuseen bis heute profitieren.