Zwischen Legende und Forschung

Mehr als 1700 Jahre lag diese silberne Kanne verborgen unter der Asche des Vesuvs. Heute gehört sie zu einem Ensemble von Silberobjekten, die 1813 bei Ausgrabungen in Pompeji entdeckt wurden. Doch woher stammt sie? War sie einst Teil eines Tempelschatzes oder gehörte sie zum Hausrat einer wohlhabenden römischen Familie? Bis heute gibt der pompejanische Silberschatz innerhalb der Sammlung Lipona Rätsel auf.

Das Meisterwerk einer wohl kampanischen Silberwerkstatt der frühen römischen Kaiserzeit: die Kentaurenkampfkanne der Sammlung Lipona

Der Himmel über Pompeji verdunkelt sich. Asche und Bimssteine fallen vom Himmel, Erdstöße erschüttern die Straßen. Menschen drängen panisch durch die Stadt, auf der Suche nach einem Ausweg. Inmitten des Chaos soll auch ein Priester des Isis-Tempels versucht haben, das zu retten, was noch zu retten war. Hastig sammelt er silberne Kultgeräte ein, verstaut sie in einem Sack und flieht. Auf seinem Weg durch die überfüllten Straßen wird er von der Menschenmenge mitgerissen. Auf dem Foro Triangolare wirft er schließlich seine Last ab, um das eigene Leben zu retten.

Ob sich die Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sicher ist hingegen, dass der Vesuvausbruch des Jahres 79 n. Chr. Pompeji, Herculaneum und weitere Orte der Region unter einer mächtigen Schicht aus Asche und vulkanischem Gestein begrub – und damit die Voraussetzungen für spektakuläre archäologische Funde schuf.

Die Entdeckung eines Schatzes

Am 26. Mai 1813 arbeiten Ausgräber auf dem Foro Triangolare von Pompeji. Stunde um Stunde kämpfen sie sich durch die verhärteten Schichten vulkanischen Materials. Dann stößt einer von ihnen auf einen dunklen Gegenstand im hellen Boden. Mit einer Kelle legt er vorsichtig frei, was sich als antikes Silbergefäß erweist. Weitere Objekte folgen. Am Ende kommt ein umfangreicher Silberschatz ans Licht, dessen einstiger Glanz durch die lange Lagerung im Boden nahezu schwarz geworden ist.

Wenig später erscheint mit dem Comte Frédéric de Clarac auch der von der Königin von Neapel ernannte Verantwortliche für die Grabungen. Höchstwahrscheinlich war Caroline Murat an diesem Tag sogar selbst vor Ort. Die Silberobjekte sind offenbar unmittelbar nach ihrer Bergung in die private Antikensammlung der Königin im Palazzo Reale von Neapel überführt worden. Noch im selben Jahr veröffentlicht de Clarac die Funde – und mit ihnen die zuvor erzählte Geschichte vom flüchtenden Priester aus dem Isis-Tempel.

Sammelaufnahme des Silberschatz aus der Sammlung Lipona (ohne die ägyptische situla)

Silber aus dem Isis-Tempel?

Tatsächlich sprechen einige Indizien für eine Verbindung zumindest eines Teils der Funde mit dem Isis-Tempel von Pompeji. Zu den bedeutendsten Hinweisen gehört eine silberne Situla mit der eingravierten Darstellung einer ägyptischen Opferszene. Sie gehört heute zu den Beständen des Staatlichen Museums für Ägyptische Kunst München und wurde uns für die Sonderausstellung als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt ein ungewöhnliches, kugelförmiges Gefäß mit langem Hals, das an eine Mohnkapsel erinnert und vermutlich einen berauschenden Inhalt enthielt. Auch das Ohr einer aus Silberblech gefertigten Stierfigur könnte einst zu einer Statue eines heiligen Stiers gehört haben.

Ägyptische situla mit Opferszene (l) und Ohr der Statue eines aus teilweise vergoldetem Silberblech gefertigten Rindes (?)

Andere Objekte werfen jedoch Fragen auf. Mehrere Gefäße und Löffel erinnern eher an hochwertiges Tafelsilber aus einem wohlhabenden römischen Haushalt als an kultisches Inventar eines Tempels. Dadurch entstehen Zweifel an der Vorstellung eines geschlossenen Schatzes aus dem Isis-Heiligtum. Auch die Annahme einer einheitlichen Herkunft aller Silberstücke erscheint problematisch.

Besonders hervorzuheben sind zwei Kasserollen mit reliefierten Griffen. Zu den kunstvollsten Objekten zählen außerdem eine Schale mit einer Handhabe in Form eines Frauenkopfes sowie eine feine Kanne mit Reliefdarstellungen von Kämpfen zwischen Kentauren und Lapithen. Während die beiden Kasserollen bereits im Grabungsbericht von de Clarac erwähnt werden, gilt dies nicht für die Schale und die Kanne. Diese wurden offenbar gemeinsam mit weiteren Stücken erst später den Funden vom 26. Mai 1813 hinzugefügt und stammen vermutlich von anderen Fundorten innerhalb Pompejis. Von einem ursprünglich zusammengehörigen Ensemble kann daher selbst innerhalb der Sammlung Lipona keine Rede sein.

Schale mit Frauenkopf (l) und Kentaurenkampfkanne aus der Sammlung Lipona

War also alles ganz anders?

Mit den heutigen Erkenntnissen erscheint die von de Clarac verbreitete Geschichte vom Isis-Priester nur eingeschränkt haltbar. Die mögliche Herkunft einzelner Stücke aus einem Privathaushalt eröffnet eine andere Interpretation: Vielleicht nutzte kein Priester, sondern ein Plünderer die Wirren des Vesuvausbruchs, um an unterschiedlichen Orten Wertgegenstände zusammenzutragen. Auf der Flucht könnte er sich schließlich der schweren Beute entledigt haben. Hinzu kommt die geschilderte Ergänzung der Sammlung Caroline Murats durch weitere Silberobjekte im Verlauf des Jahres 1813. Die überlieferte Geschichte und der materielle Bestand lassen sich daher nicht ohne Weiteres miteinander in Einklang bringen.

Wie zahlreiche andere Stücke ihrer Antikensammlung wurden auch Teile des Silbers bereits früh restauriert. Nachdem Caroline Murat – inzwischen Gräfin Lipona – Teile ihrer Sammlung nach Schloss Frohsdorf gebracht hatte und dort zum Verkauf anbot, dürften sowohl die Erzählung vom flüchtenden Priester als auch der besondere Reiz der Silberobjekte ihre Wirkung entfaltet haben.

Mit modernen Methoden auf der Spur des Lipona-Silbers

Unabhängig von seiner genauen Herkunft zählt das Silberensemble aus der Sammlung Caroline Murats zu den bedeutenden antiken Silberfunden aus dem Umfeld des Vesuvs. Kunsthistorische und archäologische Untersuchungen konnten bereits zahlreiche Aspekte des Silberensembles erhellen. Viele Fragen sind jedoch weiterhin offen – etwa die ursprüngliche Zusammensetzung des Ensembles oder die Frage, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung Lipona gelangten. Um diesen Rätseln nachzugehen, wurde mit Genehmigung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds ein naturwissenschaftliches Forschungsprojekt initiiert. Erste Untersuchungen haben bereits begonnen, weitere Analysen sind parallel zur Ausstellung sowie darüber hinaus bis in das Jahr 2027 vorgesehen.

Im Zentrum stehen Fragen zu Materialien, Herstellungstechniken und möglichen Verbindungen zwischen den einzelnen Objekten. Untersucht wird unter anderem, aus welchen Silberlegierungen die Stücke bestehen und ob sich Unterschiede innerhalb des Ensembles nachweisen lassen. Solche Erkenntnisse können Hinweise darauf liefern, ob einzelne Objekte gemeinsam gefertigt wurden oder aus unterschiedlichen Werkstattzusammenhängen stammen. Ferner erlaubt die Analyse von Material und Verarbeitung Rückschlüsse auf technische Fertigkeiten, Werkstatttraditionen und Produktionsprozesse der Antike. Gleichzeitig können Zusammenhänge sichtbar werden, die bei einer rein kunsthistorischen Betrachtung verborgen bleiben.

Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Veränderungen, die die Objekte im Laufe ihrer langen Geschichte erfahren haben. Reparaturen, Restaurierungen und spätere Ergänzungen sollen identifiziert und zeitlich eingeordnet werden. Ziel ist es, eine möglichst vollständige „Biographie“ jedes einzelnen Objekts zu erstellen – und damit seine materielle wie historische Entwicklung nachvollziehbar zu machen. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden zugleich eine wichtige Grundlage für zukünftige Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen.

Der erste Blick ins Innere

Den Auftakt der naturwissenschaftlichen Untersuchungen bildet eine Röntgenprospektion im Referat für Bewegliche Bodendenkmäler und Dendrolabor des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Die Methode wurde bewusst als erster Untersuchungsschritt gewählt, da sie zerstörungsfreie Einblicke in das Innere der Silberobjekte ermöglicht und wichtige Grundlagen für alle weiteren Analysen liefert.

Die Aufnahmen machen Details sichtbar, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Frühere Reparaturen, Umgestaltungen und Restaurierungen lassen sich ebenso nachweisen wie technische Merkmale der Herstellung. Lötungen, metallurgische Verbindungen und unterschiedliche Fertigungsweisen werden sichtbar und erlauben Rückschlüsse darauf, ob ein Objekt gegossen, geschmiedet oder in mehreren Arbeitsschritten gefertigt wurde.

Bereits die ersten Ergebnisse liefern wichtige Hinweise auf Herstellungsweisen, mögliche Werkstattzusammenhänge und die innere Struktur des Ensembles – und eröffnen damit einen neuen Blick auf die Geschichte der Objekte.

Die Röntgenaufnahme zeigt eine Kasserolle aus Silber, die mehrmals repariert wurde.

(1) Entlang eines Risses zwischen Wandung und Boden sind Reste einer Lötverbindung zu erkennen.

(2) Eine eingesetzte Schwalbenschwanzbrücke aus Metall stabilisierte den beschädigten Griff.

(3) Zusätzlich wurde ein Metallblättchen mit Weichlot befestigt.

(4) Stark korrodierte Bereiche entlang der Wandung

(5) Mehrere feine Risse

Bild: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Fallbeispiel Omphalosschale

Wie aufschlussreich diese Untersuchungen sein können, zeigt die silberne Omphalosschale aus der Sammlung Lipona. Das Röntgenbild offenbart deutlich die Spuren ihrer Herstellung: konzentrische Kreise, Hammerschläge des Treibprozesses und den Zentrierpunkt in der Mitte der Schale. Zudem wird sichtbar, dass die eiförmigen Vertiefungen und der Omphalosbuckel zunächst mit einem Feinmeißel angelegt und anschließend herausgetrieben wurden.

Ebenso liefert die Aufnahme wertvolle Informationen zum Erhaltungszustand. Korrosion, Risse und Spuren früherer Restaurierungen werden deutlich erkennbar. Selbst Lotreste am Rand der Schale lassen sich nachweisen. Besonders bemerkenswert ist auch eine schwer lesbare Ritzinschrift auf der Unterseite des Omphalosbuckels. Dort findet sich der Name GABINI ANTIVDIS – ein Hinweis auf einen einstigen Besitzer oder Nutzer der Schale.

Mehr als 2.000 Jahre nach dem Vesuvausbruch geben die Silberobjekte damit weiterhin neue Geheimnisse preis. Mit jeder Untersuchung entsteht ein klareres Bild ihrer Herkunft, ihrer Nutzung und ihrer bewegten Geschichte.