Wie die Sammlung Lipona nach München gelangte

Wer die aktuelle Sonderausstellung „Sammeln mit Stil“ betritt, begegnet zuerst den beiden Protagonisten einer außergewöhnlichen Geschichte. Auf der einen Seite Caroline Murat, geborene Bonaparte, einstige Königin von Neapel; auf der anderen Seite der bayerische König Ludwig I. Die makellosen weißen Marmorporträts, die im Entree der Ausstellung Seite an Seite stehen, dienen hier jedoch nicht nur als grandiose Abbilder großer geschichtlicher Persönlichkeiten. Vielmehr symbolisieren sie die Leidenschaft zweier Symmler für die Antike und das Sammeln antiker Kunst, deren Ende eine für die Münchener Antikensammlungen folgenschwere Transaktion bildet: Vor genau 200 Jahren, im März 1826, erwarb Ludwig die hochkarätige Antikensammlung der Gräfin Lipona. Es war ein Coup, durch den ein wesentlicher Beitrag zum Aufstieg Münchens als Metropole von Kunst und Kultur geleistet wurde.

Büsten Ludwigs I. als Kronprinz (von Bertel Thorvaldsen, 1821, Glyptothek) und Caroline Murats als Königin von Neapel (Pietro Marchetti nach Antonio Canova, 1813, Leihgabe des Musée National des Châteaux de Versailles et de Trianon).

Ein königlicher Coup

Im Juni 1826 herrschte in München geschäftiges Treiben. Schwere Transportkisten, sorgsam verpackt und wochenlang auf Achse, erreichten die Residenzstadt. Ihr Inhalt: 447 antike Werke, darunter auch solche von Meisterhand, erlesenster Qualität und hohem Seltenheitswert. Zahlreiche griechische Vasen bildeten den Kern der Sammlung, zu der darüber hinaus neben kostbaren Werken aus Gold, Silber und Bronzen auch Terrakotten und Alltagsgegenstände zählten. Es war der Schlusspunkt eines spektakulären Kunstankaufs, den der gerade erst gekrönte bayerische König Ludwig I. wenige Monate zuvor per Notarvertrag besiegelt hatte. Genau zweihundert Jahre ist es her, dass dieser glanzvolle Bestandteil, bekannt als „Sammlung Lipona“, dauerhaft nach München überging und bis heute als Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds (WAF) die Säle am Königsplatz bereichert.

Das Erbe der Königin im Exil

Hinter dem Namen der Sammlung verbirgt sich eine der faszinierendsten Frauenfiguren der napoleonischen Ära: Maria Annunziata Carolina Bonaparte, jüngste Schwester Napoleons und einstige Königin von Neapel. Als passionierte, stilsichere Regentin hatte sie zwischen 1808 und 1815 in ihrem Herrschaftsbereich nicht nur systematisch Kunst und Kultur gefördert, sondern auch eigene Ausgrabungen in Pompeji und an verschiedenen anderen Orten vorangetrieben.

Ihr privates Antikenkabinett im königlichen Schloss von Neapel galt als spektakulär. Doch mit dem Sturz Napoleons änderte sich alles. Nach der Hinrichtung ihres Mannes Joachim Murat gelang Caroline mit der Hilfe des Fürsten von Metternich 1815 die Flucht auf habsburgisches Territorium. Unter dem Anagramm ihres geliebten Neapels – als Gräfin von Lipona – rettete sie einen wesentlichen Teil ihrer Kunstschätze über Triest nach Niederösterreich, wo sie ab 1817 Schloss Frohsdorf bei Wiener Neustadt bezog. Die Antiken, die einst die Lust am Schönen befriedigten, dem eigenen Repräsentationsbedürfnis dienten und auch schon wissenschaftliche Neugierde weckten, wandelten sich im Exil zur Lebensversicherung: Caroline musste die Kollektion veräußern, um den Lebensunterhalt für sich und ihre vier Kinder zu sichern.

Klenze als Unterhändler im Feilschen um die Kunst

Hier kam Ludwig I. ins Spiel. Schon als Kronprinz hatte er ein profundes Gespür für die Antike entwickelt und Caroline Murat bereits 1806 in München bei der Hochzeit seiner Schwester Amalie mit Eugène de Beauharnais persönlich kennengelernt. Während Ludwig anfangs sein Augenmerk auf den Erwerb antiker Großplastik gerichtet hatte, erwachte in den 1820er Jahren – nicht zuletzt durch die Überzeugungsarbeit seiner Berater – die Leidenschaft für die antike Kleinkunst, insbesondere für figürlich bemalte griechische Vasen.

Als sich Ende 1825 die Chance bot, die herausragende Sammlung Lipona zu erwerben, reagierte der König prompt. Er entsandte seinen Hofarchitekten und Kunstagenten Leo von Klenze als Bevollmächtigten nach Schloss Frohsdorf. Der im März 1826 geführte Briefwechsel zwischen dem Monarchen dokumentiert die geführten Verhandlungen.  

Die ehemalige Königin selbst weilte in Triest und ließ sich durch den Baron Ernst von Gayl vertreten. Klenze erwies sich als geschickter Taktiker (oder legte das zumindest in seinen Briefen an den König so dar): Es gelang ihm offenbar, den ursprünglich geforderten Preis auf um die 300.000 Francs herunterzuhandeln. Mehr noch: Er vereinbarte zinslose Ratenzahlungen und bürdete der Verkäuferseite die Kosten für die aufwendige Verpackung und den Transport auf. Am 8. März 1826 stand die detaillierte Inventarliste, am 19. März war der Notarvertrag unterzeichnet. Dank der diplomatischen Schützenhilfe des österreichischen Staatskanzlers Fürst von Metternich wurde auch die nötige Ausfuhrgenehmigung erteilt. Das Gut konnte seine Reise nach Norden antreten.

Vom Grabdekor in die Gemäldegalerie

In München angekommen, stellte sich rasch die Frage der angemessenen Präsentation. Ludwig und Klenze wählten dafür die Alte Pinakothek. In den Jahren 1840/41 fertiggestellt, sollten die Vasen mit ihren Bildern ganz bewusst den Anfangspunkt der abendländischen Malerei markieren.

Die visuelle Inszenierung spiegelte diesen intellektuellen Anspruch wider: Leo von Klenze ließ die Stirnwände der Gewölbe mit Kopien etruskischer Grabmalereien aus Tarquinia schmücken, um eine stimmungsvolle Verbindung zu den ursprünglichen Fundorten der antiken Keramik herzustellen. Die Vasen selbst standen frei zugänglich auf langen Holztischen und Wandregalen.

Klenzes Entwurf für die Alte Pinakothek (r) und die daran angelehnte Aufstellung in den Staatlichen Antikensammlungen

Diese historische Aufstellung, die im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe unwiederbringlich zerstört wurde (wobei die ausgelagerten Vasen glücklicherweise gerettet werden konnten), bildet eine der atmosphärischen Installationen der aktuellen Sonderausstellung. Die Schau „Sammeln mit Stil“ holt diese Epoche des leidenschaftlichen Sammelns visuell in die Gegenwart zurück. Sie feiert aber nicht nur das konkrete Jubiläum, sondern ebenso das Phänomen des glücklichen Sammelns, von dem die Münchener Antikenmuseen bis heute profitieren.

Zwischen Legende und Forschung

Mehr als 1700 Jahre lag diese silberne Kanne verborgen unter der Asche des Vesuvs. Heute gehört sie zu einem Ensemble von Silberobjekten, die 1813 bei Ausgrabungen in Pompeji entdeckt wurden. Doch woher stammt sie? War sie einst Teil eines Tempelschatzes oder gehörte sie zum Hausrat einer wohlhabenden römischen Familie? Bis heute gibt der pompejanische Silberschatz innerhalb der Sammlung Lipona Rätsel auf.

Das Meisterwerk einer wohl kampanischen Silberwerkstatt der frühen römischen Kaiserzeit: die Kentaurenkampfkanne der Sammlung Lipona

Der Himmel über Pompeji verdunkelt sich. Asche und Bimssteine fallen vom Himmel, Erdstöße erschüttern die Straßen. Menschen drängen panisch durch die Stadt, auf der Suche nach einem Ausweg. Inmitten des Chaos soll auch ein Priester des Isis-Tempels versucht haben, das zu retten, was noch zu retten war. Hastig sammelt er silberne Kultgeräte ein, verstaut sie in einem Sack und flieht. Auf seinem Weg durch die überfüllten Straßen wird er von der Menschenmenge mitgerissen. Auf dem Foro Triangolare wirft er schließlich seine Last ab, um das eigene Leben zu retten.

Ob sich die Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sicher ist hingegen, dass der Vesuvausbruch des Jahres 79 n. Chr. Pompeji, Herculaneum und weitere Orte der Region unter einer mächtigen Schicht aus Asche und vulkanischem Gestein begrub – und damit die Voraussetzungen für spektakuläre archäologische Funde schuf.

Die Entdeckung eines Schatzes

Am 26. Mai 1813 arbeiten Ausgräber auf dem Foro Triangolare von Pompeji. Stunde um Stunde kämpfen sie sich durch die verhärteten Schichten vulkanischen Materials. Dann stößt einer von ihnen auf einen dunklen Gegenstand im hellen Boden. Mit einer Kelle legt er vorsichtig frei, was sich als antikes Silbergefäß erweist. Weitere Objekte folgen. Am Ende kommt ein umfangreicher Silberschatz ans Licht, dessen einstiger Glanz durch die lange Lagerung im Boden nahezu schwarz geworden ist.

Wenig später erscheint mit dem Comte Frédéric de Clarac auch der von der Königin von Neapel ernannte Verantwortliche für die Grabungen. Höchstwahrscheinlich war Caroline Murat an diesem Tag sogar selbst vor Ort. Die Silberobjekte sind offenbar unmittelbar nach ihrer Bergung in die private Antikensammlung der Königin im Palazzo Reale von Neapel überführt worden. Noch im selben Jahr veröffentlicht de Clarac die Funde – und mit ihnen die zuvor erzählte Geschichte vom flüchtenden Priester aus dem Isis-Tempel.

Sammelaufnahme des Silberschatz aus der Sammlung Lipona (ohne die ägyptische situla)

Silber aus dem Isis-Tempel?

Tatsächlich sprechen einige Indizien für eine Verbindung zumindest eines Teils der Funde mit dem Isis-Tempel von Pompeji. Zu den bedeutendsten Hinweisen gehört eine silberne Situla mit der eingravierten Darstellung einer ägyptischen Opferszene. Sie gehört heute zu den Beständen des Staatlichen Museums für Ägyptische Kunst München und wurde uns für die Sonderausstellung als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt ein ungewöhnliches, kugelförmiges Gefäß mit langem Hals, das an eine Mohnkapsel erinnert und vermutlich einen berauschenden Inhalt enthielt. Auch das Ohr einer aus Silberblech gefertigten Stierfigur könnte einst zu einer Statue eines heiligen Stiers gehört haben.

Ägyptische situla mit Opferszene (l) und Ohr der Statue eines aus teilweise vergoldetem Silberblech gefertigten Rindes (?)

Andere Objekte werfen jedoch Fragen auf. Mehrere Gefäße und Löffel erinnern eher an hochwertiges Tafelsilber aus einem wohlhabenden römischen Haushalt als an kultisches Inventar eines Tempels. Dadurch entstehen Zweifel an der Vorstellung eines geschlossenen Schatzes aus dem Isis-Heiligtum. Auch die Annahme einer einheitlichen Herkunft aller Silberstücke erscheint problematisch.

Besonders hervorzuheben sind zwei Kasserollen mit reliefierten Griffen. Zu den kunstvollsten Objekten zählen außerdem eine Schale mit einer Handhabe in Form eines Frauenkopfes sowie eine feine Kanne mit Reliefdarstellungen von Kämpfen zwischen Kentauren und Lapithen. Während die beiden Kasserollen bereits im Grabungsbericht von de Clarac erwähnt werden, gilt dies nicht für die Schale und die Kanne. Diese wurden offenbar gemeinsam mit weiteren Stücken erst später den Funden vom 26. Mai 1813 hinzugefügt und stammen vermutlich von anderen Fundorten innerhalb Pompejis. Von einem ursprünglich zusammengehörigen Ensemble kann daher selbst innerhalb der Sammlung Lipona keine Rede sein.

Schale mit Frauenkopf (l) und Kentaurenkampfkanne aus der Sammlung Lipona

War also alles ganz anders?

Mit den heutigen Erkenntnissen erscheint die von de Clarac verbreitete Geschichte vom Isis-Priester nur eingeschränkt haltbar. Die mögliche Herkunft einzelner Stücke aus einem Privathaushalt eröffnet eine andere Interpretation: Vielleicht nutzte kein Priester, sondern ein Plünderer die Wirren des Vesuvausbruchs, um an unterschiedlichen Orten Wertgegenstände zusammenzutragen. Auf der Flucht könnte er sich schließlich der schweren Beute entledigt haben. Hinzu kommt die geschilderte Ergänzung der Sammlung Caroline Murats durch weitere Silberobjekte im Verlauf des Jahres 1813. Die überlieferte Geschichte und der materielle Bestand lassen sich daher nicht ohne Weiteres miteinander in Einklang bringen.

Wie zahlreiche andere Stücke ihrer Antikensammlung wurden auch Teile des Silbers bereits früh restauriert. Nachdem Caroline Murat – inzwischen Gräfin Lipona – Teile ihrer Sammlung nach Schloss Frohsdorf gebracht hatte und dort zum Verkauf anbot, dürften sowohl die Erzählung vom flüchtenden Priester als auch der besondere Reiz der Silberobjekte ihre Wirkung entfaltet haben.

Mit modernen Methoden auf der Spur des Lipona-Silbers

Unabhängig von seiner genauen Herkunft zählt das Silberensemble aus der Sammlung Caroline Murats zu den bedeutenden antiken Silberfunden aus dem Umfeld des Vesuvs. Kunsthistorische und archäologische Untersuchungen konnten bereits zahlreiche Aspekte des Silberensembles erhellen. Viele Fragen sind jedoch weiterhin offen – etwa die ursprüngliche Zusammensetzung des Ensembles oder die Frage, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung Lipona gelangten. Um diesen Rätseln nachzugehen, wurde mit Genehmigung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds ein naturwissenschaftliches Forschungsprojekt initiiert. Erste Untersuchungen haben bereits begonnen, weitere Analysen sind parallel zur Ausstellung sowie darüber hinaus bis in das Jahr 2027 vorgesehen.

Im Zentrum stehen Fragen zu Materialien, Herstellungstechniken und möglichen Verbindungen zwischen den einzelnen Objekten. Untersucht wird unter anderem, aus welchen Silberlegierungen die Stücke bestehen und ob sich Unterschiede innerhalb des Ensembles nachweisen lassen. Solche Erkenntnisse können Hinweise darauf liefern, ob einzelne Objekte gemeinsam gefertigt wurden oder aus unterschiedlichen Werkstattzusammenhängen stammen. Ferner erlaubt die Analyse von Material und Verarbeitung Rückschlüsse auf technische Fertigkeiten, Werkstatttraditionen und Produktionsprozesse der Antike. Gleichzeitig können Zusammenhänge sichtbar werden, die bei einer rein kunsthistorischen Betrachtung verborgen bleiben.

Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Veränderungen, die die Objekte im Laufe ihrer langen Geschichte erfahren haben. Reparaturen, Restaurierungen und spätere Ergänzungen sollen identifiziert und zeitlich eingeordnet werden. Ziel ist es, eine möglichst vollständige „Biographie“ jedes einzelnen Objekts zu erstellen – und damit seine materielle wie historische Entwicklung nachvollziehbar zu machen. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden zugleich eine wichtige Grundlage für zukünftige Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen.

Der erste Blick ins Innere

Den Auftakt der naturwissenschaftlichen Untersuchungen bildet eine Röntgenprospektion im Referat für Bewegliche Bodendenkmäler und Dendrolabor des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Die Methode wurde bewusst als erster Untersuchungsschritt gewählt, da sie zerstörungsfreie Einblicke in das Innere der Silberobjekte ermöglicht und wichtige Grundlagen für alle weiteren Analysen liefert.

Die Aufnahmen machen Details sichtbar, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Frühere Reparaturen, Umgestaltungen und Restaurierungen lassen sich ebenso nachweisen wie technische Merkmale der Herstellung. Lötungen, metallurgische Verbindungen und unterschiedliche Fertigungsweisen werden sichtbar und erlauben Rückschlüsse darauf, ob ein Objekt gegossen, geschmiedet oder in mehreren Arbeitsschritten gefertigt wurde.

Bereits die ersten Ergebnisse liefern wichtige Hinweise auf Herstellungsweisen, mögliche Werkstattzusammenhänge und die innere Struktur des Ensembles – und eröffnen damit einen neuen Blick auf die Geschichte der Objekte.

Die Röntgenaufnahme zeigt eine Kasserolle aus Silber, die mehrmals repariert wurde.

(1) Entlang eines Risses zwischen Wandung und Boden sind Reste einer Lötverbindung zu erkennen.

(2) Eine eingesetzte Schwalbenschwanzbrücke aus Metall stabilisierte den beschädigten Griff.

(3) Zusätzlich wurde ein Metallblättchen mit Weichlot befestigt.

(4) Stark korrodierte Bereiche entlang der Wandung

(5) Mehrere feine Risse

Bild: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Fallbeispiel Omphalosschale

Wie aufschlussreich diese Untersuchungen sein können, zeigt die silberne Omphalosschale aus der Sammlung Lipona. Das Röntgenbild offenbart deutlich die Spuren ihrer Herstellung: konzentrische Kreise, Hammerschläge des Treibprozesses und den Zentrierpunkt in der Mitte der Schale. Zudem wird sichtbar, dass die eiförmigen Vertiefungen und der Omphalosbuckel zunächst mit einem Feinmeißel angelegt und anschließend herausgetrieben wurden.

Ebenso liefert die Aufnahme wertvolle Informationen zum Erhaltungszustand. Korrosion, Risse und Spuren früherer Restaurierungen werden deutlich erkennbar. Selbst Lotreste am Rand der Schale lassen sich nachweisen. Besonders bemerkenswert ist auch eine schwer lesbare Ritzinschrift auf der Unterseite des Omphalosbuckels. Dort findet sich der Name GABINI ANTIVDIS – ein Hinweis auf einen einstigen Besitzer oder Nutzer der Schale.

Mehr als 2.000 Jahre nach dem Vesuvausbruch geben die Silberobjekte damit weiterhin neue Geheimnisse preis. Mit jeder Untersuchung entsteht ein klareres Bild ihrer Herkunft, ihrer Nutzung und ihrer bewegten Geschichte.

Caroline Murat, Ludwig I. und Pompeji

Das „offizielle“ Entdeckungsdatum der durch den Vesuvausbruch 79 n. Chr. untergegangenen Stadt Pompeji ist das Jahr 1748. Verantwortlich war eine archäologische Expedition unter der Leitung des spanischen Ingenieurs Roque Joaquín de Alcubierre. Systematische Ausgrabungen setzten dann mit König Karl III. von Bourbon (von 1735 bis 1759 als Karl V. König von Sizilien und Karl VII. König von Neapel) ein. Als Caroline Murat 1808 an der Seite ihres Ehemanns Joachim zur Königin von Neapel wurde, richtete sich ihr Augenmerk sehr schnell auf Pompeji. Sogleich besuchte sie die zu diesem Zeitpunkt ins Stocken geratenen Ausgrabungen – der Beginn einer Faszination für den antiken Ort, die sie zumindest während ihrer Herrschaftszeit in Neapel nicht losgelassen hat.

Der Wittelsbacher Ludwig reiste in den Jahren 1804/1805 erstmalig nach Italien und zeigte sich nachhaltig beeindruckt. So sah er im Palazzo Albrizzi in Venedig die Statue der Hebe von Antonio Canova, die ihn so ergriff, dass er sich fortan als innerlich verändert betrachtete. Begeistert zeigte er sich auch von Rom, das er Zeit seines Lebens achtzehn weitere Male besuchen sollte. In den Bann zog ihn ebenfalls Pompeji, dem er nicht nur Gedichte widmete, sondern das ihn auch zu zwei Bauprojekten inspirierte: das Pompejanum von Aschaffenburg und das Schloss Villa Ludwigshöhe.

Der marmorne Kopf eines Strategen (sog. Kimon) wurde während der Regierungszeit von Caroline Murat in Pompeji gefunden und gelangte mit der Sammlung Lipona nach München.

La „Reine de Pompéi“

Schon nach den ersten Besuchen in Pompeji kam in Caroline Murat der Wunsch auf, in der auf so tragische Weise untergegangenen antiken Stadt eigene Ausgrabungen durchführen zu lassen. Sie setzte sich gegen den Widerstand des damaligen Grabungsleiters durch, und fortan fanden Funde aus diesen Ausgrabungen auch Aufnahme in die private Antikensammlung, welche die Königin in ihren Gemächern im Palazzo Reale von Neapel eingerichtet hatte. Regelmäßig besuchte Caroline die Grabungen, teilweise auch in Begleitung ihres Ehemanns Joachim.
Einen ebenso ergebenen wie fähigen Mitstreiter fand die Königin in dem Comte Fréderic de Clarac (geb. 1777). Dieser entstammte einer Offiziersfamilie, hatte die Murats aber in anderer Funktion, nämlich als Hauslehrer von deren Kindern, begleitet. In Italien war sein Interesse an der Antike erwacht, weshalb er sich neben seiner erzieherischen Tätigkeit mehr und mehr der Archäologie zuwandte. 1813 leitete er jene Grabung in Pompeji, in deren Verlauf das einzigartige Ensemble römischen Silbers entdeckt wurde, das Teil der Sammlung Lipona ist und sich heute in den Staatlichen Antikensammlungen in München befindet (und mit einem zugehörigen ägyptischen Kultgefäß, das im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst aufbewahrt wird, in der Sonderausstellung erstmals vollständig präsentiert wird). De Clarac ist auch zu verdanken, dass dieser außergewöhnliche Fund noch im selben Jahr publiziert wurde. Als Autodidakt verfolgte er demnach bereits konsequent wissenschaftliche Ansätze. Das dürfte auch maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass er nach Napoleons Fall nach Frankreich zurückkehren konnte und dort 1818 eine Stelle als Konservator der Antiken im Louvre antrat, die er bis zu seinem Tod 1847 bekleidete.
Ein weiterer Weggefährte der jungen Königin von Neapel war der Architekt und Archäologe François Mazois (geb. 1783). Für ihn hob Caroline das Verbot, in Pompeji zu zeichnen, auf und ermöglichte ihm damit, die Architektur der antiken Stätte zu studieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Bilder zu fassen. So vermittelte seine Arbeit erstmals einen weitgehenden Einblick in das Leben in einer antiken Stadt. 1812 begann er mit der Veröffentlichung seines Werks „Les ruines de Pompéi“, das nach seinem Tod im Jahr 1826 von François-Christian Gau vollendet wurde.

Stich mit Ansicht der „Casa Regina Carolina“ (aus: F. Mazois F. C. Gau, [Hrsg.], Les ruines de Pompei, Bd. 2 [Paris 1824] Taf. XII.)

Ein römisches Wohnhaus in Pompeji, dessen Ausgrabung sie 1813 – wahrscheinlich nach ersten Freilegungen durch die Bourbonen schon im 18. Jahrhundert – veranlasste, wurde sogar nach ihr „Casa Regina Carolina“ benannt, um ihre Verdienste zu würdigen. In Mazois‘ Werk zu Pompeji sind seine Pläne und eine Ansicht des Hauses publiziert, wodurch er zur Verbreitung des Namens beitrug. Nach der Rückkehr der Bourbonen nach Neapel beeilten diese sich im Sinne einer damnatio memoriae, das Haus in „Casa di Adone“ („Haus des Adonis“) umzubenennen. Bemerkenswerterweise wird das Haus heute in der archäologischen Forschung wieder als „Casa Regina Carolina“ bezeichnet, und es war zuletzt Ziel von Forschungen unter der Leitung des Cornell Institute of Archaeology & Material Studies zur römischen Alltagskultur in Pompeji.

Ein Stück Pompeji für Bayern

Für Caroline war Pompeji jedoch nicht nur eine sprudelnde Quelle, um neue Funde für ihr Privatmuseum im Schloss von Neapel zu gewinnen und dabei wissenschaftliche Akzente zu setzen. Vielmehr kam ihr die Idee, einige besonders schöne Häuser der Stadt wiederaufbauen und mit antiken Originalmöbelstücken ausstatten zu lassen, um sie anschließend für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es blieb allerdings bei diesem Gedanken, der von ihr jedoch nicht in die Tat umgesetzt wurde. Ob das anders gewesen wäre, wenn sie länger als bis 1815 regiert hätte, lässt sich nicht sagen.

Ludwig hatte Pompeji schon vor Caroline erstmalig im Rahmen seiner ersten, für ihn so prägenden Italienreise besucht. Seine Eindrücke von 1805 hielt er in einem Gedicht fest, auf das wenige Jahre später ein weiteres folgen sollte, das mit „Pompeija in des neunzehnten Jahrhunderts zweytem Jahrzehent“ überschrieben ist. Darin offenbart der Kronprinz, welche Bedeutung er der antiken Ruinenstätte für sich selbst und die Gegenwart beimaß:

„Nur in Pompeji sieht man des Römers gewöhnliches Leben,
Leben’s mit ihm; in Rom blos wir den herrschenden seh’n.
Alles ist in Pompeji, es fehlen einzig die Menschen,
Alles lebt hieselbst, ach! und doch alles ist todt.“


Pompeji erschien ihm demnach als Idealtypus einer römischen Stadt, die aufgrund ihres tragischen Schicksals ungeahnte Einblicke in das gewöhnliche Leben der Antike gewährte. Gleichzeitig legte er im selben Gedicht die Vergänglichkeit der frisch freigelegten und damit dem Verblassen preisgegebenen Wandmalereien dar:

„Würdig nicht ist das jetz’ge Geschlecht, dich, Pompeji zu sehen:
Wie du demselben erscheinst, schwindest du eilig dahin;
Nur das Gerippe verbleibt; die lebensvoll freudigen Farben
Bleichen schnell in der Welt, welche die deine nicht mehr.
Freundin nur ist die Erde, die Luft hingegen ist Feindin.
Was die Erde getreu achtzehn Jahrhundert barg
In dem heiligen Dunkel, erlischt bald, wenn es gekommen
An das Licht, wir nur sehn’s, um es nie wieder zu seh’n.“


In mehrerlei Hinsicht hinterließ das immer wieder aufgesuchte Pompeji also bei Ludwig Spuren und veranlasste ihn schließlich dazu, in Aschaffenburg hoch über dem Mainufer das Pompejanum zu errichten. Bei diesem von ihm lapidar „Pompejanisches Haus“ genannten Gebäude handelt es sich um eine ideale Nachbildung eines römischen Wohnhauses. Als Vorbild diente die Casa dei Dioscuri (Haus der Dioskuren), die kurz zuvor in der Vesuvstadt entdeckt und ausgegraben worden war.
Errichtet wurde das Pompejanum nach den Plänen des Architekten Friedrich von Gärtner zwischen 1840 und 1848. Seither erfüllt es den vom König bestimmten Zweck, den Menschen auch nördlich der Alpen das Studium mediterraner römischer Wohnkultur zu vermitteln. 1852 kam mit der bei Edenkoben in Rheinland-Pfalz gelegenen Villa Ludwigshöhe ein weiterer, ähnlich motivierter Bau hinzu (aktuelle Sonderausstellung bis 11.10.2026: „Sehnsucht Pompeji. Ludwig I. und seine Leidenschaft für die Antike„).

Triclinium im Pompejanum in Aschaffenburg